Erinnerung – das Geheimnis der Erlösung

Fulda ehrt noch immer Nazi-Oberbürgermeister

Stolperstein / Bildnachweis: Pixabay

Fulda
Vor genau zwei Jahren hat die Fraktion Die Linke.Offene Liste / Menschen für Fulda den Antrag „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ gestellt.“ „Ziel ist, die Erinnerung an die während der Nazidiktatur deportierten, ermordeten oder in die Flucht oder den Tod getriebenen verfolgten Bürgerinnen und Bürger Fuldas sowie an die jüdische Kultur und ihre zerstörten Stätten im Stadtbild sicht- und erlebbar zu machen.“ Folgende Maßnahmen wurden beantragt: „Das Areal der zerstörten Synagoge soll in einen würdigen Zustand versetzt und dauerhaft gepflegt werden. Dieses soll möglichst erworben werden. Zudem soll die Stadt Fulda mittels des Erinnerungsprojektes ‚Stolpersteine‘ des Künstlers Gunter Demnig auf die Wohnorte der Fuldaer Verfolgten des NS-Regimes hinweisen und so an das Leben und Wirken dieser Menschen mitten in unserer Stadt erinnern. Auch an prägende Wirkungsstätten (z. B. Kaufhäuser, Gewerbe- und Handwerksbetriebe, Schulen …) der damals verfolgten Bürger*innen Fuldas soll im Stadtbild erinnert werden.“

In der Antragsbegründung heißt es u. a.: „Wichtig und gut wäre, wenn bereits zum Stadtjubiläum Fulda um einige Erinnerungsstätten reicher wäre. Im Rahmen des 1275. Jahrestages der Stadtgründung (12. März 744) und der anderen Ereignisse, die sich 2019 mit einer ‚runden‘ Zahl jähren, sollte die dunkle Seite der Stadtgeschichte nicht ausgespart werden und auch angemessen und in würdiger Weise an die jahrhundertelange jüdische Kultur als Teil unserer Historie erinnert werden.“

„Wir sind sehr enttäuscht, dass der Antrag über das Stadtjubiläum hinaus verschleppt wurde.“

„Stattdessen wurde am Ende des Jubiläum-Jahres eine pompöse Skulptur errichtet, die an die Beisetzung von König Konrad vor 1100 Jahren in Fulda (Anfang Januar 919) erinnern soll. Die Stadt scheint lieber auf den Beisetzungsort eines über tausend Jahre toten Königs hinzuweisen, als würdevoll an die aus Fulda deportierten und ermordeten Mitbürger*innen Fuldas auch vor ihren Wohnhäusern zu erinnern“, kritisiert Ute Riebold, die daran erinnert, dass die Stolpersteine schon seit 2003 Thema auch in Fulda sind: „Am 24.11.2003 habe ich das erst Mal beantragt, auch in Fulda mit Stolpersteinen an die Schicksale der von den Nazis verfolgten Menschen zu erinnern. Dies war eine Reaktion auf die antisemitische Rede des damaligen CDU- und heutigen AfD-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, früher Bürgermeister von Neuhof. Doch die Mehrheit im Stadtparlament fand das gar nicht gut – also mit Stolpersteinen an das dunkle Kapitel der Fuldaer Stadtgeschichte zu erinnern.“

Bei Ute Riebold verstärkt sich das Gefühl, dass der Widerstand gegen die Stolpersteine, der indes ein wenig nachlässt, auch dadurch begründet sein könnte, dass viele Immobilien, die damals Mitbürger*innen jüdischer Herkunft gehörten, heute noch im Eigentum jener Familien sind, die von den Zwangsverkäufen profitierten. „Das betrifft beispielsweise auch das Grundstück, auf dem die Synagoge stand sowie benachbarte Areale.“

Auf Nachfrage der Fraktion erklärte der Oberbürgermeister, auch die Frage der Entschädigungen für diese Gebäude werde aufgearbeitet. „Auch das ist überfällig. Schön, dass dies auch im Zuge der Aufarbeitung des Wirkens von NSDAP-OB Franz Danzebrink umfassend geklärt werden soll. Doch auch das Ergebnis dieser in Auftrag gegebenen Studie steht längst aus. Dem Nazi-OB ist noch immer eine Straße gewidmet, sein Bildnis hängt noch immer unkommentiert in der Oberbürgermeister-Galerie – sein Nachfolger Erich Schmidt hingegen ist dort noch immer nicht aufgeführt.“

„Vor 75 Jahren wurden wir von dem nazionalsozialistischen Terror-Regime befreit. Zeit, endlich jedem einzelnen Opfer dieser 12-jährigen Gewaltherrschaft würdig zu gedenken – und die Täter zu enttarnen“, so die Fraktion abschließend.

Antrag
SVV  19.03.2018
Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung
Die Fraktion Die Linke.Offene Liste / Menschen für Fulda beantragt:
Die Erinnerung an die während der Nazidiktatur deportierten, ermordeten oder in die Flucht oder den Freitod getriebenen verfolgten Bürgerinnen und Bürger Fuldas sowie an die jüdische Kultur und ihre zerstörten Stätten wird im Stadtbild sicht- und erlebbar gemacht:

  • Das Areal der zerstörten Synagoge wird in einen würdigen Zustand versetzt und dauerhaft gepflegt. Wenn irgend möglich wird dieses erworben.
  • Die Stadt Fulda stößt an, mittels des Erinnerungsprojektes „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig auf die Wohnorte der Fuldaer Verfolgten des NS-Regimes hinzuweisen und so an das Leben und Wirken dieser Menschen mitten in unserer Stadt zu erinnern.
  • Auch an prägende Wirkungsstätten (z. B. Kaufhäuser, Gewerbe- und Handwerksbetriebe, Schulen …) der damals verfolgten Bürger*innen Fuldas soll im Stadtbild erinnert werden.

Begründung:
Eine Begründung braucht diese Bitte sicher nicht. Wichtig und gut wäre, wenn bereits zum Stadtjubiläum Fulda um einige Erinnerungsstätten reicher wäre. Im Rahmen des 1275. Jahrestages der Stadtgründung (12. März 744) und der anderen Ereignisse, die sich 2019 mit einer „runden“ Zahl jähren, sollte die dunkle Seite der Stadtgeschichte nicht ausgespart werden und auch angemessen und in würdiger Weise an die jahrhundertelange jüdische Kultur als Teil unserer Historie erinnert werden.

Sehr schön und bereichernd wäre, wenn der Kontakt mit überlebenden Verfolgten der NS-Gewaltherrschaft bzw. mit deren Nachkommen wieder aufgenommen oder verstärkt würde und es im Rahmen der Erinnerung an 1275 Jahre Fulda auch zu einer offiziellen Einladung zu einem Besuch der alten Heimat bzw. in die Heimat von Vorfahren kommen würde.

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Mittlerweile (Stand Juli 2017) gibt es rund 61.000 solcher Erinnerungssteine in Deutschland und 21 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Monatlich kommen bis zu 440 Steine hinzu – mehr Kapazität hat das Team nicht, da die Gravuren handgearbeitet sind und die Verlegungen bis auf wenige Ausnahmen von Gunter Demnig selbst vorgenommen werden.

Auch im Landkreis Fulda und in Nachbarkreisen wurden und werden noch weitere Stolpersteine verlegt – z. B. in Burghaun, Eiterfeld, Hünfeld, Bad Hersfeld, Rotenburg. Die Jüdische Gemeinde Fulda umfasst die Landkreise Fulda, Vogelsberg und Hersfeld-Rotenburg. In diesem Einzugsgebiet wurden bereits an mehreren Orten Stolpersteine verlegt – in Fulda fehlen solche Gedenksteine noch.

Ute Riebold

 

24.11.2003
H A U S H A L T S A N T R A G
2 0 0 4
Verwaltungshaushalt   Unterabschnitt   0240

Die Stadt Fulda lädt den Kölner Künstler Gunter Demnig ein, hier in unserer Stadt sein Kunstprojekt „Stolpersteine“ fortzuführen.

Demnig erinnert mit ungewöhnlichen Mitteln an unsere damaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und andere Verfolgte des Naziregimes.

Seine wirkungsvollste Idee ist, die Daten der Menschen, die vom Naziregime ermordet oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden, auf eine Metallplatte zu gravieren und in den Gehweg vor der damaligen Adresse einzulassen.

Ein Erinnerungsstein kostet incl. Planung, Fertigung und Verlegung 95 Euro (steuerlich absetzbar).

In Funk und Fernsehen und vielen Printmedien wurde darüber berichtet. Die aktuellste Veröffentlichung ist in der Kirchenzeitung für das Bistum Fulda „Bonifatiusbote“, Ausgabe 47/03 vom 23.11.2003, Seite 3 (Rubrik „Schauplatz“) in den Artikeln „Ich will in Deutschland bleiben“ und „Stolpersteine für vergessene Namen und verwehte Spuren“ oder im Internet unter www.stolpersteine.com nachzulesen.

Die Stadtverwaltung erarbeitet eine Liste mit den Namen und früheren Adressen der in Frage kommenden Personen. Das dürfte kein Problem sein. Unser ehemaliger Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger hat sich ja mit viel Engagement darum bemüht, die Schicksale der zwischen 1933 und 1945 ermordeten und vertriebenen FuldaerInnen jüdischen Glaubens bzw. jüdischer Herkunft aufzuklären.

Die Stadtverwaltung ordnet diese alten Adressen den Häusern zu, die jetzt auf diesen Standorten stehen und sucht Paten für die Gedenksteine.

Das können die Eigentümer- oder BewohnerInnen dieser Häuser oder Menschen sein, die für einen bestimmten Stein oder für die Aktion insgesamt spenden.

Sollten sich nicht genügend SpenderInnen finden – das erscheint bei einer engagierten Öffentlichkeitsarbeit der Stadt eher unwahrscheinlich – übernimmt die Stadt die restlichen Kosten.

Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit mit der Jüdischen Kultusgemeinde Fulda durchgeführt. Auch Herr Dr. Wolfgang Hamberger wird um Unterstützung gebeten.

Ziele dieses Projektes:

  • Die Erinnerung an unsere damaligen MitbürgerInnen wachhalten.
  • Die Menschen, bei denen die Geschichtsklitterung des Fuldaer Bundestagsdirektkandidaten auf Zustimmung oder nicht auf Widerspruch gestoßen ist, zum Nachdenken anregen.
  • Auch nach außen zeigen, dass wir unserer Geschichte gegenüber nicht gleichgültig sind, sie nicht verdrängen, nicht verharmlosen oder relativieren, nicht leugnen und nicht vergessen.
  • Fortführung des diesbezüglichen Engagements Dr. Hambergers.
  • Das soll auch eine offensive Antwort auf das Bild sein, was aus unserer Region transportiert wurde und noch über unsere Region transportiert wird, einem sehr großen Teil unserer Bevölkerung aber nicht gerecht wird.
  • Auch deshalb muss die Aktion schnell angegangen werden. Gunter Demnig soll umgehend eingeladen werden.

(Richard-Wagner-Straße 16, 50674 Köln, Fon 0661-251489, Fax 0221-2585194)

Ute Riebold

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